# Resident Advisor Exchange, ein Interview mit Ricardo Villalobos (2012)

> - In RA Exchange 100 von etwa 2012 spricht Todd L. Burns mit Ricardo Villalobos über seinen Rücken, Vinyl, das Internet, Parties und sein ECM-Album mit Max Loderbauer.
> - Ricardo sagt, Zugehörigkeit und Abhängigkeit machen Menschen glücklich, nicht Unabhängigkeit.
> - Er nennt das Fernbleiben vom Wettbewerb den wichtigsten Satz in seinem Leben.

Von emin.de AI Desk. KI-geschrieben, von einem Menschen beaufsichtigt: noch nicht geprüft. Veröffentlicht 2025-12-17. Aktualisiert 2025-12-17.
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## Resident Advisor Exchange mit Ricardo Villalobos

Das hier ist eine Zusammenfassung von RA Exchange 100, einem Gespräch
zwischen Todd L. Burns, dem Chefredakteur von Resident Advisor, und
Ricardo Villalobos, ausgestrahlt um 2012. Das Original kannst du auf
[Resident Advisors
SoundCloud](https://soundcloud.com/ra-exchange/ra-exchange-100) hören.
Alles Folgende ist das, was Ricardo sagt, nicht meine Meinung.

RA Exchange ist eine Gesprächsreihe mit den Künstlern, Labels und
Veranstaltern, die elektronische Musik prägen, und für die hundertste
Folge hat Todd mit dem in Chile geborenen, in Deutschland
aufgewachsenen DJ und Produzenten gesprochen. Ricardo ist einer der
beliebtesten House-Produzenten der Welt. Er ist in der Nähe von
Frankfurt aufgewachsen, weil seine Eltern Chile in den 70ern verlassen
haben, und das war eine glückliche Entscheidung.

Frankfurt war in den 90ern einer der Hotspots der elektronischen Musik
und Playhouse eines ihrer wichtigsten Labels. Ricardo hat sich dort
zuerst einen Namen gemacht und dann genauso wichtige Verbindungen zur
Cocoon-Familie und ihrer Booking-Agentur aufgebaut, zum Londoner
Fabric-Club, wo er 2007 eine gemixte CD veröffentlicht hat, und zu
Perlon, dem Berliner Label, das mittlerweile mehr oder weniger seine
Dance-Music-Heimat ist.

In letzter Zeit macht er immer mehr experimentelle Musik. Im Jahr
davor haben er und Max Loderbauer ein Album veröffentlicht, auf dem
sie Tracks von ECM neu bearbeitet haben, dem deutschen Jazz- und
Klassik-Label. In diesem seltenen Interview spricht er darüber, sich
in allem, was man tut, einen unschuldigen Blick zu bewahren, warum er
das Internet meidet und noch viel mehr.

## Sein Rücken und die Platten auf dem Boden

Todd fängt an und fragt nach seinem Rücken. Ricardo glaubt, das ist
ein Schaden von jahrelanger Arbeit in falscher Haltung. Ein typisches
Problem für größere Menschen und auch für Leute, die Sport gemacht und
dann aufgehört haben, und er hat mit vierundzwanzig aufgehört. Er hat
Volleyball gespielt, Leichtathletik und Fußball gemacht, alle möglichen
Sportarten, und die letzten fünf oder sechs Jahre Volleyball.

Todd sagt, viele Berliner DJs scheinen zusammen Volleyball zu spielen,
aber Ricardo sagt, das war seine Zeit vor Berlin. Er hat sich
zurückgelehnt, weil er dachte, all der Sport würde ihn ein Leben lang
tragen, und das stimmt nicht. Ab einem gewissen Punkt musst du wieder
Sport machen, damit die Muskeln die falschen Haltungen ausgleichen,
die du als DJ hast.

Wo immer er spielt, ist kein Platz mehr für die Platten, oder wenn
doch, sitzen da seine Freunde, also landen die Platten auf dem Boden
und er muss ganz runter, stundenlang und über viele Jahre. Und die
Plattenspieler sind meistens ein bisschen zu niedrig. In den Clubs der
letzten drei, vier, fünf Jahre gibt es keinen Platz mehr für Platten,
weil niemand mehr Platten spielt, und das findet er sehr traurig.

Er konnte nicht länger als fünf Minuten stehen, also musste er alles
absagen, weil Auflegen nur mit vielen Schmerzmitteln funktioniert
hätte. Er hat eine Pause gemacht, sich erholt und seinen Rücken
trainiert. Keine Operation war nötig, und genau das hatte er zuerst
befürchtet, und jetzt ist alles gut.

**Im Kern:** Jahre über Platten auf dem Boden gebeugt und niedrige Plattenspieler kosteten Ricardo fast den Rücken, bis er ihn wieder trainierte.

## Vinyl, Privatsphäre und das Internet

Dann die neue 12-Inch für Perlon, die er die Pre-Album-12-Inch nennt.
Es kommt also wieder ein Album. Er macht in letzter Zeit nicht nur
abgespaceten elektronischen Jazz, er produziert die ganze Zeit auch
Dancefloor-Musik, und das Album ist eine Auswahl davon. Sie produzieren
und produzieren und tauschen viel unter Freunden, die auch
produzieren, und "neunundneunzig Prozent der Sachen kommen nicht
raus."

Es ist eine kleine Gruppe von produzierenden und auflegenden Freunden,
vielleicht zehn, die lange Studio-Sessions austauschen, und eine
Auswahl dieser Tracks erscheint jetzt auf Perlon.

Aber Vinyl bleibt für sie sehr wichtig, eine originale Kopie der
Musik. Es bedeutet, dass der Künstler Geld dafür bekommt, und der
Vertrieb, der Plattenladen und der Designer für das Label auch. Das
ist es, was sie schützen wollen, weil "das unsere ganze Szene und
unsere ganze Kultur finanziert."

Todd sagt, diese Schutz-Idee scheint ihm wichtig zu sein. Ricardo
sagt, viele moralische Dinge und Regeln des Zusammenlebens geraten
durcheinander, und manche traditionellen Dinge sind es wert, geschützt
zu werden, wie Gespräche, einen Brief schreiben, ein Buch lesen, Dinge,
die altmodisch wirken. Im Moment ist das zu schützende Ding ein
intimes Leben, das nicht öffentlich ist, geschützt vor der
Internet-Spionagemaschinerie.

In seinen Worten: "Der Computer weiß viel mehr über mich als meine
Frau", über seine Bedürfnisse und seine innersten Gedanken. Viele
Leute reden deshalb darüber, bei dieser Spionagemaschinerie nicht
mitzumachen. Er nennt das Internet eine sehr kritische Sache und sagt,
alle sozialen Netzwerke sind wie Desinformation, und er fragt sich,
wohin diese Informationen gehen.

Er hat in Interviews gesagt, George Orwells Big-Brother-Idee sei ein
kalter Witz im Vergleich zu dem, was jetzt passiert. "Im Moment kommt
Big Brother in dein Haus, fickt deine Frau und deine Gäste." Es dringt
in deine intimsten Situationen ein.

Er sieht das Internet als großes Geschenk, einen freien Spielplatz, wo
sich alle austauschen können, aber er glaubt, es wird verschwinden. Du
wirst Facebook, Google, Apple TV haben, vier oder sechs oder sieben
Riesen-Anbieter, du wirst für alle Informationen bezahlen, und das
Internet, wie wir es kennen, wird weg sein. Seiner Ansicht nach wurde
es fünfundzwanzig Jahre lang benutzt, um die Bedürfnisse und
verborgensten Wünsche jedes Menschen auszuspionieren.

Todd merkt an, dass das Internet ihm auch geholfen hat. Ricardo sagt,
jede Form von Kommunikation hilft, aber die wichtigste Promotion für
das, was sie tun, ist die Party selbst, die Platte, die du machst,
anderen Leuten helfen und Informationen direkt verbreiten. "Die
einzige Promotion ist die Party, auf der du für die nächste Party
spielst." Das Vertriebsnetz zählt auch, damit eine Platte jemanden in
Jakarta erreichen kann, aber er glaubt, die Party entscheidet über die
nächste Party.

**Im Kern:** Vinyl bezahlt die ganze Szene. Das Internet ist für Ricardo eine Spionagemaschine, die mehr weiß als seine Frau.

## Partys und die Lehre der Abhängigkeit

Todd erinnert sich, dass er mal gesagt hat, eine Party sei einer der
wenigen Orte, an denen Menschen auf friedliche und fruchtbare Weise
zusammenkommen. Ricardo stimmt zu. Es gibt Konzerte und Fußballspiele,
aber nicht mehr viele Situationen, in denen Menschen freiwillig aus
einem gemeinsamen Grund zusammenkommen, und das Schöne an Partys ist
das Zusammenkommen und dass es keine Aggression und keinen Konflikt
gibt.

Deshalb will er dabei sein und Teil dieses kollektiven
Zusammenkommens, und er sagt, das ist der einzige Grund, warum er
auflegt. Er will zu etwas gehören und von einer ganzen Gruppe abhängig
sein. Seiner Ansicht nach wird die Propagierung von Unabhängigkeit
benutzt, um Werte, Bedürfnisse und Produkte zu schaffen, die man
verkaufen kann, und er folgt dem, was er die Lehre der Abhängigkeit
nennt.

Man muss von Menschen abhängig sein und sich dessen bewusst sein,
notwendig sein und zu einem besonderen Ort gehören, an dem man
notwendig ist. Er glaubt, Abhängigkeit, wie in Familiensystemen oder
bei einem Kind, das von seiner Mutter abhängt, führt zum Glück, und
Zugehörigkeit führt zum Glück, nicht Unabhängigkeit. "Die versprochene
Freiheit der Unabhängigkeit bedeutet, am Ende einsam zu sein."

Todd fragt, woher diese Philosophie kommt und ob sie von seinen Eltern
stammt. Ricardo sagt, das ist keine Philosophie. Wir alle bekommen
eine sozial verantwortliche Erziehung, sonst hätten wir keine Freunde
oder Familie, und sie basiert auf Zugehörigkeit, Abhängigkeit und
sozialem Verhalten. Karriere machen ist eine andere Geschichte, aber
mit Freunden und Familie bist du sozial und versuchst nicht, Geschäfte
zu machen.

Er sagt, der Spruch "vermische niemals Geschäft und Freunde" ist sehr
wahr, weil du nicht nach einem Vorteil gegenüber dem anderen suchen
solltest, sonst müsstest du deine Freunde kaufen. Es ist die
Familienidee. Später tauschst du deine Familie gegen Freunde und deine
Mutter gegen eine neue Freundin, aber es bleibt die Idee des
Zusammengehörens und der gegenseitigen Abhängigkeit, und du siehst es
jeden Tag.

Wenn sein kleines Kind weint, rennt die Mutter sofort los, um eine
Lösung zu finden, ohne Diskussion und ohne Transaktion. Menschen, die
zueinander gehören, tun einfach Dinge füreinander, und er nennt das
"das Wichtigste, das unsere Welt rettet."

**Im Kern:** Für Ricardo ist eine Party ein seltenes friedliches Zusammenkommen, und Zugehörigkeit zu einer Gruppe schlägt Unabhängigkeit.

## Darmstadt, Küchenpartys und Frankfurt

Er ist in Darmstadt aufgewachsen. Freunde zu finden ist generell schwer, sagt er,
weil man viel Zeit investieren und gemeinsame Interessen finden muss.
Sein gemeinsames Interesse mit seinem Vater war das Spielen, so unschuldig und
so verantwortungslos wie möglich zu sein. Sein Vater war Mathematiker und
gewissermaßen „verantwortungslos“, scherzt er, aber nachdem er Chile verlassen musste,
konnte er nicht als Mathematiker arbeiten.

Er arbeitete als Ingenieur oder was auch immer kam, weil er in einem neuen
Land war und die Familie überleben musste.

Die Gegend war sehr schön. Es gab viele Informationen über
elektronische Musik und ein gutes Schulsystem, und es lag ein bisschen auf dem
Land, also sah er viel Natur, aber auch Technologie und
Kultur. Natürlich ist es eine andere Mentalität als die spanische oder
lateinamerikanische in Südamerika, und es gab Momente, in denen man merkt,
dass jemand aus Nordeuropa anders reagiert als jemand südlich
der Alpen.

Ein Beispiel ist, wie man mit Wahrheit umgeht. In der lateinamerikanischen Kultur gibt es
verschiedene Arten, die Realität mit verschiedenen Wahrheiten zu erklären, und
es gibt immer eine kleine Hintertür, um aus einer Situation herauszukommen. In
Nordeuropa versuchen die Leute immer, die Wahrheit zu sagen, ihre eigene persönliche
subjektive Wahrheit, und er sagt, das kann für
Wissenschaftler sehr nützlich sein, aber nicht sehr nützlich für menschliche Beziehungen.

Seine ersten Partys waren die Küchenpartys seiner Eltern. Immer Musik und
immer Tanzen, wenn Chilenen in Deutschland zusammenkamen, um zu
feiern und südamerikanische Tanzmusik zu hören. Todd fragt nach
Violeta Parra, und Ricardo sagt, sie hörten alle Arten von südamerikanischer
Folkmusik, aber woran er sich am meisten erinnert, sind die Partys, der
Tanz und der Rhythmus.

Das hat ihn am meisten beeindruckt. Todd fragt, ob sein Haus auch voller
Tanz ist. „Natürlich. Ich versuche es.“

Roman Flügel hat Todd mal erzählt, dass Ricardo früher After-Partys in
seinem Keller veranstaltet hat. Ricardo bestätigt es. Mit zwanzig, aus der Schule raus und noch
bei seinen Eltern wohnend, legte er viel als DJ auf. Sie luden Freunde ein,
Leute aus Detroit oder woher auch immer, machten Partys und hatten dann ihre eigene
kleine After-Hour im Keller des Hauses seiner Eltern.

Roman erinnerte sich daran, wie er mit Ricardos Vater aus dem Keller kam, der
einfach da saß und sagte: „Oh, hallo.“ Ricardo sagt genau, er saß
in der Küche. Unten im Keller spielte Carl Craig, 22 Jahre alt,
eines der erstaunlichsten Sets, die Ricardo je gehört hat. Es war eine sehr
schöne Zeit, von zweiundneunzig bis sechsundneunzig.

Er hing mit den Playhouse-Leuten herum. Sie waren sehr aktiv in
Frankfurt, verkauften Platten und betrieben Plattenläden, den Delirium
Plattenladen und davor Boy Records. Sie versorgten alle bekannten
Frankfurter DJs, hauptsächlich Ata und Heiko M/S/O, und es war der zentrale
Treffpunkt für Leute, die auf House-Musik standen. Ein Informationszentrum, sagt er.

Es gab eine Kultur, viele Plattenläden und sehr wichtige Clubs
wie das Dorian Gray und später The Omen, und viel Geld für
Nachtleben-Unterhaltung. Das sind die Grundlagen für einen kulturellen Nukleus.

**Im Kern:** Chilenische Küchenpartys, After-Hours im Keller mit Carl Craig und Frankfurter Plattenläden haben ihn geprägt.

## Von einem SH-101 zu seinen ersten Platten

Auf die Frage, wer ihm beim Produzieren Ratschläge gegeben hat, sagt er: „Es gibt
keine Quelle für Ratschläge.“ Deine gesamte musikalische Erfahrung entscheidet, was du
tust, die Musik, die du hörst, und Freunde mit demselben Interesse, die sich
gegenseitig helfen. Er wollte einen Synthesizer und der war zu teuer, also sammelten seine
Eltern, seine Großmutter und alle Geld.

Ein DX11 oder DX7 war ein Traum. Sie sammelten etwa 700 Mark für ein
Weihnachtsgeschenk und kauften einen Roland SH-101, und er war super
enttäuscht. „Was soll ich mit dieser Scheiße machen?“ Er sagt, Kinder sind
manchmal sehr ungerecht zu ihren Eltern, und er sieht es jetzt bei seinen
zwei- und vierjährigen Kindern. Nach einem halben Jahr schaute er auf die 101 und
sagte: „Okay, lass uns anfangen, etwas zu machen.“ Ein Freund kaufte seine erste
Drum-Machine, eine 707.

Sie fingen mit Popmusik an, orientiert an Depeche Mode. Daniel Miller,
der Produzent von Depeche Mode, steckte hinter diesem ganzen Sound, und man
hörte immer einen repetitiven Four-to-the-Floor-Beat, zum Beispiel auf
der „Get the Balance Right!“ Maxi-Single von einundachtzig oder
zweiundachtzig. Ricardo nennt es eine Revolution und eines der ersten Techno-Dinge. Das war ein großer Einfluss, zusammen mit Italo Disco.

Von zwölf bis siebzehn ging er zu zweiunddreißig Depeche Mode Konzerten
und folgte ihnen mit dem Zug durch ganz Europa. Sie waren riesige Fans, bis
er mit sechzehn oder siebzehn anfangen musste, sich um sein eigenes Leben zu kümmern.
Für ihn waren Depeche Mode ein guter Kompromiss zwischen der Popwelt und
der neuen Technologie der elektronischen Musik.

„Für mich sind sie die Beatles unserer neuen Ära.“ Sie erklärten vielen
Leuten, dass elektronische Musik auch Musik ist und der Synthesizer
auch ein Instrument, und sie schrieben so viele gute Popsongs.

Der Weg zum House war natürlich. Südamerikanische Rhythmusmusik war zuerst
da, dann kam Disco, und seine Eltern nahmen ihn im
Urlaub mit in die Diskothek. Für ihn war es immer dasselbe. Aus der gesamten
elektronischen Wave-Szene am Anfang der Achtziger passierte etwas
und es wurde House-Musik, diese Mischung, und so war House die gemeinsame
Basis dessen, worauf er stand.

Todd sagt, es ist schwer für viele Amerikaner, weil House in Deutschland Popmusik
ist. Ricardo sagt, es ist keine Popmusik in Deutschland. Was passiert ist,
ist, dass der songorientierte House-Track sich zu diesem neuen Dancefloor-
Stil entwickelte, einer sehr kitschigen Form von elektronischem Pop basierend auf House, und er
zählt das nicht mehr als House.

Aber Techno, House und das Euro-Trance-Ding folgen alle bestimmten Tanz-
und Rhythmusregeln, und als Ganzes gesehen ist es auch Pop. Was er zu
beitragen versucht, erreicht so viele tausend Menschen, dass er es
so etwas wie Popmusik nennen würde. Popmusik ist populäre Musik und gehört so
vielen Menschen wie möglich.

Seine erste Platte war nicht auf Playhouse 1994, wie Todd dachte. Sie
kam auf Overdrive heraus, einem Label aus Mainz bei Frankfurt, in
zweiundneunzig. Dann hatten sie zwei kleine Labels, Elastic und Placid
Flavour, und Ende vierundneunzig kam seine erste Playhouse-Platte heraus,
die bereits seine fünfte oder siebte Platte war.

**Im Kern:** Ein enttäuschender Roland SH-101, 32 Depeche-Mode-Konzerte und eine erste Platte auf Overdrive 1992.

## Musik als sanfte Sprache

Todd fragt, wann er das Gefühl hatte, seine eigene Stimme zu haben. Ricardo sagt, er versucht
nie, das zu fühlen, weil er nicht definieren will, was er tut.
Wenn er im Studio sitzt und auf Aufnahme drückt, hat er kein Konzept, und
es muss einfach schön für ihn klingen. Er sagt, Musik ist wie eine Sprache und
sollte in einer schönen, nicht aggressiven, erklärenden Stimme kommen.

Wenn jemand dich anschreit oder zu viel redet, hörst du auf zu verstehen.
Er versucht, eine hörbare, schöne und klare Sprache zu produzieren. Das
Wichtigste ist, kein Konzept zu haben. Die Frequenz der Bassdrum
und der Bassline müssen schön für ihn klingen, und dann nimmt er auf, und
es ist egal, ob es House, Techno oder elektronischer Jazz ist.

Wenn wir reden, reden wir normalerweise auf sanfte Weise, was der beste Weg zur
Kommunikation ist, und er denkt, Musik sollte auch so sein.

Es gibt viel aggressive Musik, sagt Todd. Ricardo stimmt zu und liebt
Momente reinen Energieaustauschs, Rock-Situationen und einen harten Techno-
Track, der „mich wirklich wegcrasht“, nur nicht die ganze Zeit. Er mag
dunkle Löcher und Bass, aber auch helle, farbenfrohe Situationen. Für ihn ist das
Schlimmste, was man tun kann, Musik gut oder schlecht zu nennen.

„Gute oder schlechte Musik existiert nicht.“ Es gibt Musik, bei der du
die Sprache verstehst, und Musik, bei der die Kommunikation scheitert, und das
macht sie nicht schlecht. „Musik ist einfach eine Sprache, die du verstehst oder nicht.“

**Im Kern:** Ricardo produziert ohne Konzept. Gute oder schlechte Musik existiert nicht, nur Musik, die man versteht oder nicht.

## Jede Tanzfläche überzeugen

Todd sagt, seine DJ-Sets hätten im Laufe der Zeit immer mehr Einflüsse aufgenommen und das Publikum folge ihm immer weiter. Ricardo sagt, in jeder DJ-Situation musst du die Leute überzeugen, egal ob sie vorbereitet sind oder keine Ahnung haben, mit der Sprache, die du in diesem Moment sprichst. Du brauchst die Energie zu überzeugen, auch wenn du dich schlecht fühlst, und wenn es schiefgeht, buchen sie dich vielleicht nicht wieder.

„Erfolg für einen DJ ist, etwas so erklären zu können, dass die Leute es verstehen." Die Leute haben völlig unterschiedliche kulturelle Hintergründe, aber mit der Rhythmusformel kannst du jeden auf der Welt zum Tanzen bringen.

Sein Beispiel ist eine Platte, die er gerade spielt, von einem palästinensischen Typen. Es ist Volksmusik mit klatschenden Händen bei mehr oder weniger denselben BPM wie House, Gesang um ein Feuer herum. Selbst wenn Teile der Welt die arabische Kultur als irgendeinen Feind verdammen, wenn du diese Musik spielst, „werden alle arabisch", und alle sind fasziniert.

Zuerst kommen die arabischen Leute und sagen „Hey, das ist arabische Musik!" und dann sind Leute, die vielleicht denken, der Typ auf dem Cover sieht aus wie ein Terrorist, überzeugt, dass die Musik wunderbar ist. Er nennt es die universelle Sprache der Musik, ein Anti-Babylon. Es ist egal, aus welcher Kultur du kommst, und wenn dich dieser Typ mit seinem Gesang überzeugt, wird sogar der größte Araberhasser tanzen.

Musik zeigt, dass wir alle etwas gemeinsam haben. Er sagt, wir gehören alle zur indoeuropäischen Kultur, dreieinhalb Milliarden Menschen, die Englisch, Spanisch, Persisch und Hindi sprechen, und all diese Sprachen gehören zusammen. Deshalb ist es sehr seltsam für ihn, wenn Leute Gründe erfinden, die Perser zu bombardieren, weil wir zusammengehören, und Musik zeigt, dass wir uns lieben und ohne jedes Problem zusammen tanzen können.

Todd sagt, jeder internationale DJ bekommt eine interessante Perspektive, weil er all diese Leute zu denselben Songs tanzen sieht. Ricardo sagt genau, aber er will kein Politiker sein oder die Bubble zum Platzen bringen, in der sie leben. Ihre Bewegung ist eine noch akzeptierte Bubble ohne politische Bedeutung, und zu versuchen, eine politische Bedeutung daraus zu machen, könnte gefährlich sein.

Sie sollten die Bubble schützen und froh sein, dass sie Partys machen können. Todd sagt, man muss hart arbeiten, um sie zu erschaffen. Ja, sagt Ricardo, und sie verteidigen. Sie sind keine DJ-Terroristen, und solange kein DJ-Terrorist von irgendeiner Behörde umgebracht wird, sind sie sicher, und sie sollten froh sein über diese acht oder zehn Stunden, in denen sie sich treffen und Musik hören können.

**Im Kern:** Ein DJ muss jedes Publikum überzeugen, und eine palästinensische Folk-Platte bringt selbst einen Araberhasser zum Tanzen.

## Das ECM-Projekt

Rund um die ECM-Veröffentlichung erwähnte er, dass er Arvo Pärt und Alexander Knaifel in seine DJ-Sets packte. Er erklärt, dass es Momente in einer Party gibt, in denen man sich sehr schwindelig fühlt und die Party die Kontrolle über den normalen Zustand des Lebens verliert. Es ist sehr monoton und rhythmisch, und dann denkst du „Es wäre schön, einen Chor oder eine Geige daraufzulegen."

Eine Melodie von woanders gibt ihm etwas Farbe. Er stand damals nicht auf Klassik oder Jazz, aber jedes Mal, wenn er zuhörte, war er bewegt, also packte er das, was ihn bewegte, ins Set, besonders Stücke ohne Rhythmus, auf monotone rhythmische Musik.

Er kam wegen ECM zu Jazz und Klassik. Als Kind kaufte er seine erste ECM-Platte, eine Interpretation von Keith Jarretts Musik, und seine Eltern nahmen ihn mit zu Konzerten. Aber wenn man unschuldig ist, macht man keinen Unterschied zwischen Jazz und Klassik, es ist einfach Musik. Todd sagt, er habe beim ECM-Projekt nach Leere gesucht.

Genau, sagt Ricardo. Was er in seinen Sets benutzte, hatte keinen Rhythmus, ein Instrument oder ein Chor. Leute von ECM hörten das auf Partys und schlugen einen Abend vor, an dem sie ECM-Platten mit seiner Musik spielen, und dann war es plötzlich „Warum nehmen wir nicht eine Platte auf?"

Er war nicht nervös. Mit einem Konzept zu arbeiten ist schwer für ihn, aber er tat es mit Max Loderbauer, einem guten Freund. Sie hören im Studio mehr Musik als sie produzieren, sie sitzen da, rauchen Zigaretten und hören. Also war es klar, nimm diesen Teil eines ECM-Tracks, loope ihn und leg etwas darauf.

Sie machten es auf eine sehr unschuldige Weise, ohne zu denken „Oh Scheiße, vielleicht ist es nicht ernst genug für die Jazz-Leute."

Als sie Manfred Eicher trafen, spielten sie ihm die ersten vier Tracks vor. Er sah sofort, dass es eine gute Art war, ECM-Musik mit einem neuen elektronischen Ansatz zu mischen, und sagte „Okay, macht, was ihr wollt." Sie machten zwanzig weitere Tracks, und Eicher schickte Vorschläge und suchte nach leeren Teilen von Tracks. Ricardo sagt, es war sehr fruchtbar.

Sie hatten ungefähr vierundzwanzig Tracks, bearbeiteten sie und mussten fünf oder sechs rauswerfen, weil es zu viel Musik für zwei CDs war.

Sie spielen es auch live, immer Max und Ricardo mit den modularen Systemen plus ein Jazzmusiker. Sie spielten mit Christian Wallumrød, das erste Konzert im Berghain war mit Claudio Puntin, und die Italien-Tour war mit Gianluca Petrella, einem erstaunlichen Posaunisten. Sie spielen in alten Orten, Puccini, Paganini, unglaubliche italienische Konzertsäle, 500 Jahre alt und voller Gold, und er mag es, mit dieser traditionellen Kultur in Berührung zu kommen.

Aber dann kommen italienische Freunde, die die Partys kennen und nie die ECM-Platten gehört haben. Nach zwanzig Minuten schreit der erste Typ „Bassdrum!" und „Ich will mein Geld zurück!" weil sie denken, es ist eine Ricardo-Show und er wird Tanzmusik spielen. Es gibt einen rhythmischen Teil, aber nur für fünf Minuten, und alles ist improvisiert.

Live teilen Max und Ricardo die Rollen auf. Ricardo kümmert sich um die rhythmische Klangstruktur und Max übernimmt die Melodie und den harmonischen Teil. Aber es kann schiefgehen. Wenn nicht genug Licht da ist oder man nervös ist, findet man vielleicht nicht das richtige Loch für das Kabel. Es ist komplett improvisiert und man kann das Konzert nicht stoppen, also muss man mit allem klarkommen, was passiert.

**Im Kern:** Das unschuldige Loopen leiser ECM-Stellen wurde zu einem Doppelalbum und improvisierten Live-Konzerten.

## Unschuld, Modular und die Zukunft

Gefragt, ob er besser wird, sagt er, man wird weniger nervös. „Druck
verursacht immer ungelernte Handlungen. Unschuld ist frei von Druck."
Wenn er seine Kinder beobachtet, sieht er, was es heißt, unschuldig
zu sein, frei von Verantwortung und Konkurrenz. „Aus dem Wettbewerb
rauszubleiben ist der wichtigste Satz in meinem Leben." Zu sagen:
„Sorry, ich konkurriere nicht mit dir. Ich will nicht der Beste oder
Reichste sein." Lass uns einfach Dinge tun.

So viele elektronische Musiker spielen jetzt mit Modular, und Ricardo
nennt es eine Emanzipation. Es macht mehr Spaß, das Kabel zu suchen
und dieses Loch mit jenem Loch zu verbinden. Du kannst dieselben
Module digital in Reaktor oder Kyma oder Max MSP haben, aber mit
Modular hast du das Gefühl, einen persönlicheren Sound finden zu
können. Auf einem Computer drängt dich ein Preset oft irgendwohin,
mit Modular fängst du immer bei null an, und es ist nicht elitär,
weil du ein Modul pro Monat kaufen kannst.

Er benutzt es auch in seiner Tanzmusik, weil es für ihn weniger
langweilig ist. „Es ist, als würde man als Kind mit Lego oder
Fischertechnik spielen. Es ist wie ein Spiel."

Todd sagt, Dinge wie ein Kind zu behalten scheint ihm sehr wichtig zu
sein. Ricardo sagt, die Beziehung zur Unschuld nicht zu verlieren sei
sehr wichtig. Wenn wir auf eine Party gehen, wird jeder plötzlich ein
Kind, lächelt und umarmt sich ohne Konkurrenz. „Auf eine Party zu
gehen ist wie in den Kindergarten zu gehen." Seine Kinder sind jetzt
seine größten Idole, wie sie unschuldig bleiben, wie sie ihren
Intellekt nicht benutzen und einfach auf Basis von unterbewussten
Informationen entscheiden. Bewusstsein ist manchmal sein größter
Feind, das Denken an die Zukunft und die Vergangenheit, und seine
Kinder entscheiden einfach.

Wie geht er also mit Verantwortung um? Er gibt alle Verantwortung an
seine Frau ab, lacht er. Sie übernimmt viel Verantwortung, und er ist
froh, jemanden gefunden zu haben, der anders ist als er, der
organisiert und plant. Sie gibt ihm einen Schutzraum, wo er frei und
außerhalb der Konkurrenz sein kann. Es ist wichtig, jemanden zu
finden, der dich schützt und sagt: „Okay, lass mich das Organisieren
machen, du gehst für acht Stunden ins Studio und sei ein Kind."

Letztes Mal, als sie sprachen, sagte Ricardo, er wolle Soundtrack-Arbeit
und mehr Jazz-Sachen machen, und das hat er getan. Was kommt als
Nächstes? Er weiß es nicht, und die Zukunft zu definieren ist
kompliziert. Die ECM-Sache ist fast dasselbe wie das, was er sonst
macht: aufzunehmen, was immer aus dem Studio kommt, ohne einen
bestimmten Zweck.

Für ihn ist das Wichtigste, einfach weiterzumachen mit dem, was er
tut, und nicht zu versuchen, sich neu zu erfinden. Er liebt die Party,
er liebt es, Tanztracks zu produzieren, und er wird das weiterhin tun,
und wenn etwas Jazziges herauskommt, okay. „Aber es ist das Schlimmste,
die Zukunft zu definieren." DJ zu sein und zu produzieren ist das, was
er für die nächsten 10, 15, 20 Jahre tun wird, „wenn meine Gesundheit
es zulässt."

**Im Kern:** Unschuld ist frei von Druck. Ricardo bleibt dem Wettbewerb fern und weigert sich, die Zukunft zu definieren.

## Links

Das Original-Interview ist auf [Resident Advisor
Exchange](https://ra.co/exchange), und es gibt [Ricardo Villalobos auf
Resident Advisor](https://ra.co/dj/ricardovillalobos). Sein Label ist
[Perlon Records](https://www.discogs.com/label/396-Perlon), die
Kollaboration ist [Ricardo Villalobos und Max Loderbauer, Re:
ECM](https://www.ecmrecords.com/), und die wichtigsten Veranstaltungsorte
sind [Robert Johnson in Frankfurt](https://www.robert-johnson.de/) und
[Fabric in London](https://www.fabriclondon.com/).

**Im Kern:** Das Originalgespräch gibt es auf Resident Advisor Exchange, dazu seine RA-Seite und die Clubs, die er erwähnt.
